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Die wechselvolle Geschichte der Rheinlandkaserne
Nach 75 Jahren zweite zivile Nutzung
(Zu Verfügung gestellt von der Amtsblatt-Redaktion)

Vorwort:

300 Meter zur Innenstadt, 500 Meter zur Autobahn und so groß wie
18 Fußballfelder. Mit diesen wenigen, aber prägnanten Strichen kann man den Wohn- und Gewerbepark Kaserne skizzieren, der Ettlingen die Pforten zu neuen Entwicklungsmöglichkeiten öffnet.
Auch wenn vielen Ettlingern die Rheinlandkaserne bekannt sein dürfte, ob nun vom Tag der offenen Tür bei den U.S.-Streitkräften oder von privaten Besuchen, liegt ein Großteil des von der U.S.-Army genutzten Areals im Dunkeln.

Ebenso dürfte auch die Historie dieser Kaserne nicht jedem geläufig sein, die ein nicht unwesentliches Element ist. Steht doch der historische Teil mit seinem Aufmarschplatz unter Denkmalschutz.

Geschichte:

Bei der Rheinlandkaserne handelt es sich um eine außerordentliche geschlossen überlieferte militärische Anlage aus dem 20. Jahrhundert. Neben der militärgeschichtlichen Bedeutung ist die Rheinlandkaserne aber auch aufgrund ihrer architektonischen Qualität ein Kulturdenkmal sowohl aus wissenschaftlichen wie auch aus heimatgeschichtlichen Gründen.

1800
Will man etwas über die Vergangenheit der Kaserne bzw. der ehemaligen Unteroffiziersschule wissen, muss man in den analen bis zum deutsch-französischen Krieg 1871 blättern. Keine Sorge, in den nächsten Zeilen wird kein umfangreiches Dossier über diesen Zeitraum folgen. Einzig erwähnt sei, dass im November 1870 der badische Landesfürst seine Offiziere ihrer Dienste entband und sie dem preußischen König unterstellte, der damit als Bundesfeldherr oberster Befehlshaber der badischen Truppen wurde.
Knapp ein halbes Jahr später wurde auch die Unteroffiziersschule in Ettlingen in den preußischen Verband aufgenommen.
Damit war diese Einrichtung vorläufig gesichert, die sich im Ettlinger Schloss befand. Relativ schnell stieß die Unteroffiziersschule in Ettlingen an Kapazitäten ob des Stellenwertes der Armee im kaiserlichen Deutschland und der daraus resultierenden Attraktivität des Berufes Offizier.


1900 - 1950
Dem durch Ettlingen geisternden Gerücht einer Standortverlagerung der Schule -war sie doch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Ettlingen- trat die Stadt entgegen indem sie die Grundstücke rund um das Schloss kaufte.
Als pars pro toto genannt sei nur der Asamsaal als Aula und Turnhalle. Gut 20 Jahre später stand man wieder vor derselben Situation, das Schloss drohte aus allen Nähten zu platzen. Da man die Unteroffiziersschule auf „Biegen und Brechen“ in den Stadtmauern behalten wollte, musste die Stadt nicht nur das Schloss zum offiziellen Schätzpreis ankaufen, sondern der Heeresverwaltung einen rund 50 Hektar großen Exerzierplatz und einen Bauplatz für den Kasernenneubau von sechs Hektar kostenlos zur Verfügung stellen.
In diesem Zusammenhang ein bemerkenswertes Bonbon am Rande:
Ettlingen bot dem preußischen Kriegsminister für Schlossensemble 180 000 Mark, abzüglich der für einen Abbruch des Schlosses zusätzlich entstehenden Kosten, da es „für die Stadtgemeinde Ettlingen völlig wertlos“ sei. Man könnte nun spekulieren ob dies vom damaligen Bürgermeister ein geschickter diplomatischer Schachzug war, um den Preis zu drücken.

Im Juni 1911 war es dann endlich soweit, das Schloss ging in städtischen Besitz über und auf dem sechs Hektar großen Gelände nördlich der Huttenkreuzbrauerei sollte eine Kaserne mit Offiziersspeiseanstalt erbaut werden, da die Stadt an die Militärverwaltung auf 30 Jahre hin vermieten wollte. Im Sommer 1912 wurde mit dem Bau der Kaserne begonnen, deren neobarocke Formsprache sich bis heute erhalten haben, angefangen bei den Walmdächern und den alten Fledermausgauben bis hin zu den prächtig gestalteten Portalen, die die Fassaden mit ihrer regelmäßig angeordneten Fenstern akzentuieren.
Alle Gebäude sind fast unverändert in der für ihre Funktion typischen Ausprägung erhalten, ob nun die Wachgebäuden mit offener Laube oder das Hauptstabsgebäude mit Uhrturm, das eine Länge von fast 100 Meter hat.

Durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges kam es nicht zum geplanten Umzug der Unteroffiziersschule, die sich zu Kriegsbeginn kurzzeitig auflöste, um am 1. August 1915 mit reduziertem Personalbestand wieder ihre Tätigkeit in der neuen Kaserne aufzunehmen, in der auch ein Reservelazarett eingerichtet wurde.
Nur fünf Jahre währte der Aufenthalt der Schüler in den neuen Gemäuern, da die Versailler Friedensverträge eine Reduzierung der Heeresstärke vorschrieb.

Nach der Auflösung der Unteroffiziersschule trat die erste „Konversion“ der Kaserne ein: sie wurde zivil genutzt. Die Gebäude wurden z. T. als Wohnungen vermietet, das Finanzamt fand hier eine Heimstatt wie auch die Realschule, eine Kinderkrippe und eine Säuglingsmilchküche. Das Offizierskasino wurde zum Jugendheim und die Exerzierhalle zur Turnhalle ausgebaut. 1936 ging dann die Kasernenanlage an die Militärverwaltung des Deutschen Reiches über, und sie wurde als Gendarmerieschule und für Heereszwecke genutzt.
Das Gelände für die Erweiterung wurde nicht wie knapp 40 Jahre zuvor nur vermietet, sondern verkauft. Bis 1945 wurde es vom Stamm der Heeresunteroffiziersschule 5 für Infanterie genutzt. Hinter dem heute als historisch bezeichneten Bereich wurde in den 30er Jahren für das hessische Infanteriebataillon neue Gebäude errichtet.

1950-2000
Rund fünf Jahre diente es nach dem 2. Weltkrieg als Unterkunft für Flüchtlinge und Vertriebene bis 1950 die Kaserne vom 77. U.S.-Pionierbataillon und einer starken Civilian Labour Group der U.S.-Army belegt wurde.

70 Jahre nach der ersten Konversion sollte die zweite folgen aufgrund der politischen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa die zu einem Abbau der Streitkräfte der bisherigen Machtblöcke führten. Für zahlreiche Städte war die Truppenreduzierung mit einschneidenden Auswirkungen auf die Wirtschafts- und Sozialstruktur verbunden. Auch Ettlingen als Garnisonsstadt war davon betroffen, als im September 1995 die in der Rheinlandkaserne stationierten Verbände der U.S.-Army die Stadt verließen und nach Heidelberg gingen. Die Stadt stand vor der Aufgabenstellung zum einen die aufgegebene Militärfläche planerisch als „zivile Fläche“ zu bewerten und zum anderen das 13 Hektar große Areal, das fast die Größe der Innenstadt besitzt, in das Stadtgefüge einzuordnen.

Als das wichtigste Ettlinger Entwicklungsprojekt nach der Sanierung der Innenstadt bezeichnete OB Josef Offele die Konversion der Rheinlandkaserne, die mit viel Fingerspitzengefühl und Weitblick angepackt werden muss. Nachdem OB Offele im Februar 1994 vom Verbindungsoffizier Harry Connors erfuhr, dass die Fernmeldeeinheit des 44. U.S.-Bataillon bis zum Herbst 1995 die Kaserne verlassen wird, war sowohl dem Gemeinderat, dem Rathauschef und der Verwaltung klar, es müssen vorbereitende Untersuchungen laufen als notwendige Grundlage für eine konzeptionelle Entwicklung über künftige Nutzungsmöglichkeiten.

Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, die den Auftrag erhielt eine umfassende und zügige Bestandsaufnahme aller Grundstücke, Objekte und Einrichtungen vorzunehmen. Parallel dazu wurden die Altlasten auf einzelne Flächen erkundet. Ziel war es, möglichst rasch ein städtebauliches Entwicklungskonzept für das Gesamtareal zu erarbeiten, das auch den Zwickel im Norden mit einschloss. Schneller als geplant legte der Freiburger Entwicklungsträger Kommunalkonzept GmbH seine vorbereitenden Untersuchungen für die städtebauliche Entwicklung auf dem Kasernenareal vor. Sie beinhaltete neben einer Bestandsaufnahme der Gebäude, die ökologischen Aspekte und möglichen Altlasten.

Aus diesen Untersuchungen wurde eine Planungskonzeption mit städtebaulicher Rahmenplanung entwickelt als Grundlage für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb. Weiter wurde eine Kosten– und Finanzierungsübersicht erstellt. In vier räumliche Bereiche gliederte sich das grobe Planungskonzept: die historische Kasernenanlage im Süden wurde als Erhaltungsbereich für Bebauung und Freiräume vorgesehen; der technische Bereich und Landschaftsbereich zur Neubebauung, eine gestaltete Grünzone als markanter „grüner Rand“ zur freien Landschaft und einen Schwerpunktbereich in jenem Verbindungsgebiet zwischen Erhaltungsbereich und Neubebauung.

Auf diesem Gutachten konnte das Nutzungsleitbild gebaut werden. Für alle Verantwortlichen war selbstredend, dass die Kaserne nicht als Solitär und damit auch das Nutzungsleitbild nicht singulär betrachtet werden dürfe. Deshalb wurde dieses neue Stadtviertel in das gesamtstädtische Leitbild eingebunden, d.h., die entwickelten Zukunftsperspektiven sollten auf einer breiten Basis stehen, in die die umgebenden Wohngebiete ebenso eingeschlossen sind wie die Landschaft.

Im September 1995 wurden dann die Wettbewerbsunterlagen für den städtebaulichen Ideenwettbewerb „Rheinlandkaserne“ ausgegeben, von dem sich die Stadt neue und viele Varianten für die künftige Nutzung erhoffte. Rund 70 Arbeiten wurden eingebracht . Im Januar 1996 fällte die Jury ihre Entscheidung, die zwei zweite Preise vergab: an Professor Wolf Dietrich Weigert und seine Mitarbeiter (Karlsruhe) und an den Stuttgarter Architekten Hartmut Fuchs.

2000
Nach dem bereits viele Gebäude in der Rheinlandkaserne bezogen und verkauft sind, zieht im November 2000 das neue Ettlinger Kino „Kulisse-Ettlingen“ ein.

Ettlingen´s lange „Kinodurststrecke“ wird nun ein ende haben. Das neue Kino auf altem, historischen Grund, soll wieder einen festen Platz im kulturellen Leben bekommen. Die Synergie aus altem Gemäuer und neuster Kinotechnik schafft eine besondere Atmosphäre und ein besonderes Sounderlebnis.

Auf dem Gelände der ehemaligen Rheinlandkaserne sind zwischenzeitlich unter anderem Ärzte und Therapeuten unterschiedlichster Fachrichtung, Freiberufler, die Sonnenapotheke, das Kino-Bistro Kulisse Ettlingen und das Heisenberg-Gymnasium ansässig. Weiterhin militärisch genutzt wird es durch das Forschungsinstitut für Optronik und Mustererkennung. Das ehemalige Offizierscasino der Rheinlandkaserne wurde zu einem Vereinsheim für die Ettlinger Gesangvereine umgenutzt. Aus einem Teil des Stabsgebäudes wurde eine Schule.


„Das Beste, was wir von der Geschichte haben,
ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“

( Goethe, Maximen und Reflexionen )

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